Das sagt die Presse

Allgäuer Zeitung: Mittwoch, 21. März 2018
„Souverän der Motettenchor (…) so spannend und dynamisch bekommt man Mozart nicht alle Tage zu hören“
Münchner Motettenchor mit „Requiem“ von W.A. Mozart in der bigBOX Allgäu in Kempten

Zum Artikel

AZ: Dienstag, 26. November 2017
Ehrfurcht vor gewaltiger Musik
Münchner Motettenchor mit „Messe in h-moll“ von J.S. Bach im Herkulessaal

Zum Artikel

Münchner Merkur: Dienstag, 22. November 2016
Aktuelle Stunden
Münchner Motettenchor mit Mendelssohns „Elias“ im Herkulessaal

Zum Artikel

Süddeutsche Zeitung online: Dienstag, 29. März 2016
Karfreitagsdramatik
Matthäus-Passion: Jung besetzt mit Originalklang-Orchester

Zum Artikel

Süddeutsche Zeitung online: Montag, 21. September 2015
Stimmlich frisch bis zuletzt
Münchner Motettenchor und „Brassexperience“ präsentieren in Benediktbeuern ein anspruchsvolles Programm

Zum Artikel

Süddeutsche Zeitung: Dienstag, 07. April 2015
Lobpreisung
Philipp Amelung mit der Johannes-Passion

München – Es hat Tradition, dass der Münchner Motettenchor Bachs Johannes-Passion an Karfreitag in der Matthäuskirche aufführt. Also nicht im Konzertsaal, sondern wie bei der Uraufführung 1724 in einem Sakralraum. Zum ersten Mal dirigierte sie Philipp Amelung – mit großem Erfolg. Und das nicht zuletzt dank des Residenzorchesters München mit vielen Solisten an Originalinstrumenten sowie großteils hervorragender junger Solisten.

Jede Aufführung einer (und vor allem der sehr komprimierten Bachschen Johannes-)Passion steht und fällt mit dem Chor – und dem Sänger des Evangelisten. Denn das Kollektiv, ob in den wilden, sogenannten Turbae-Chören des Volks, das Jesu Kreuzigung fordert, oder den kontemplativen Chorälen, die dieses Geschehen aus ganz anderer Warte bedauern und beweinen, ist enorm wichtig und dominierend.

Der von Benedikt Haag einstudierte Motettenchor sang beängstigend perfekt: Höchst expressiv, rhythmisch geschärft und dynamisch exzellent abgestuft, dabei stets genau intonierend und nie scharf oder unausgeglichen in extremer Lage. Amelung legte Wert auf unmittelbare Übergänge zwischen Chor-Partien, Bericht des Evangelisten und den Arien. Das führte zu einer enormen Spannung und einer fast theatralischen Direktheit.

Auch der junge Maximilian Kiener als Evangelist stellte – auswendig singend – schon dadurch eine hohe Unmittelbarkeit her. Er begann zwar mit etwas belegter Stimme, doch sein heller, schlanker, gleichwohl ausdrucksvoller Tenor steigerte sich mit jeder Phrase. Am Ende hatte er das Passions-Geschehen mit einer Rhetorik und emotionalen Intensität nicht nur erzählt, sondern – stets enorm wortverständlich singend – vergegenwärtigt, dass er so überzeugend war, wie nur die Besten seines Fachs.

Neben Katja Stuber, die mit den Sopran-Arien etwas zu kämpfen hatte, überzeugte Ulrike Malotta in samtweich und sehr beredt gesungenen Alt-Arien. Thomas Stimmel präsentierte einen ausdrucks- und gehaltvollen Bass und gestaltete enorm kultiviert. Christian Hiltz war dagegen ein betont nüchtern zurückhaltender Christus.

Klaus Kalchschmid

Süddeutsche Zeitung: Dienstag, 15. Juli 2014
Bravourös bestanden
Benedikt Haag mit dem Münchner Motettenchor

München – Das Feine an den Mendelssohn-Oratorien ist ja, dass sich der Komponist zwar auf frühere Meister wie den alten Bach besann, aber daraus keine reine Retromusik strickte, sondern die bis ins 19. Jahrhundert neu gewonnene Klangfülle ausschöpfte. Das verleiht manchen Chören eine betörende Kraft. So kann man es auch bei der “Paulus”-Aufführung des Münchner Motettenchors und des Residenzorchesters München in der St. Matthäuskirche bewundern: Wenn einem von vorne Chor und Orchester im Forte entgegenleuchten und von hinten die Orgel schiebt – mein lieber Herr Gesangsverein, das macht Freude. Die lauten Passagen gehören in der Tat zu den stärksten Momenten dieses Konzerts, gerade dann, wenn sich Forte und rasche Textdeklamation paaren. Denn es ist beeindruckend, wie genau hier der Chor artikuliert. Erst so erklingt das Laute mit wuchtiger Präzision.

Benedikt Haag, der den Chor seit Ende vergangenen Jahres kommissarisch leitet, führt dezidiert durch die lange Aufführung, mit klarer Linie und Ohr fürs effektvolle Detail. Es ist zugleich sein Master-Abschlusskonzert im Chordirigieren (droben auf der Empore thronen die Prüfer). Dafür stehen Haag nicht nur ein bestens geschulter Chor und ein solides Orchester zur Verfügung, sondern auch hervorragende, überaus junge Solisten: Alexander Kiechle gestaltet die Partie des Paulus mit präsentem, sehr sonorem Bass. Die Stimme des Tenors Maximilian Argmann wirkt allenfalls anfangs in einigen Augenblicken ein klein wenig gehetzt – aber das gibt sich; und wie Argmann im zweiten Teil seine Solo-Cavatine interpretiert, ist hochelegant und wunderschön. Doch vor allem muss man diese Adjektive den Darbietungen der Sopranistin Katja Stuber zuschreiben. Ihre unprätentiöse, brillant strahlende Gesangskultur ist wirklich ein zauberhafter Genuss. Ein durch und durch astreiner “Paulus” also? Fast. Bei den leisen Chorälen ist der gesungene Text nicht gut zu verstehen und das Orchester gegenüber dem erkennbar auf Legato eingeschworenen Chor etwas zu vordergründig. Doch nach der Pause ist das behoben, weil nun auch der leise Gesang von Benedikt Haag und dem Chor klare Konturen erhält. Riesiger Beifall.

Andreas Pernpeintner

Süddeutsche Zeitung: Dienstag, 02. April 2013
Tod und Trost
Bachs Johannes-Passion mit dem Motetten-Chor

München – Man muss nicht tief gläubig sein, um ausgerechnet an Karfreitag eine’Passion lieber in einer Kirche als im Konzertsaal zu erleben. Der Münchner Motetten-Chor und das Residenz-Orchester unter Leitung von Hayko Siemens machten das in St. Matthäus am .Sendlinger-Tor-Platz möglich. Und während Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion mit Pause die Ausdehnung einer Wagner-Oper besitzt, dauert’seine Johannes-Passion knappe, schnörkellose zwei Stunden. In ihnen ist alles enthalten: das dramatische, auch in den Turbae-Chören unerbittliche Geschehen um Christi Gefangennahme, Verurteilung und Kreuzigung, seinen Tod und die Grablegung, dem reflektierende Trauer und Trost folgen.

Nicht nur das Kollektiv.des Motetten-Chors machte seine Sache hervorragend, sang stets homogen, klar in der Diktion und variabel in der Dynamik der Choräle. Auch die fast durchweg jungen Solisten waren hervorragend, allen voran der 27-jährige David Steffens als Jesus. Denn eine so schöne Bassstimme, wunderbar focussiert in allen Lagen und dabei ganz natürlich in Diktion und Ausdruck findet man selten. Sein junger Bariton-Kollege Andreas Burkhart war in den Bassarien sowie als Petrus und Pilatus nicht minder überzeugend – in Timbre wie singender Gestaltung. Auch Fanie Antenelou brachte für die beiden Sopran-Arien einen weich timbrierten, nie zu hell klingenden Sopran mit, den sie außerordentlich musikalisch führte wie auch Ulrike Malotta ihren Alt, die dabei allenfalls etwas zu zurückhaltend blieb. Wie schön auch, dass mittlerweile der Einsatz von Originalinstrumenten wie Gambe (Sabina Lehrmann), zwei Violen d’amore urid Laute (Uwe Grosser) obligatorisch sind.

Carsten Süß hatte als Evangelist – und in den Tenorarien – neben dem Chor die Hauptlast des Abends zu tragen. Und er tat dies von der erhöhten Kanzel aus singend als zunehmend beteiligter und mitfühlender „Erzähler“ mit großem Ernst, geschmeidiger Stimme und wann nötig, auch expressivem Ton.

Langes Schweigen am Ende zum Glockengeläut in der vollbesetzten Matthäus-Kirche; danach aber umso befreiterer Beifall.

Klaus Kalchschmid

Süddeutsche Zeitung: Samstag, 27. November 2012
Ausdrucksvoll
Der Münchner Motettenchor mit Dvoráks Requiem

München – Was für ein gewaltiges, großes, schönes und auch höchst originelles Werk, das angesichts der ebenso umfangreichen wie groß besetzten romantischen Requiem-Vertonungen eines Johannes Brahms oder Giuseppe Verdi vergleichsweise selten gespielt wird: Antonín Dvoráks 1891 uraufgeführtes op. 89, sein bedeutendstes Chorwerk neben “Geisterbraut” und “Stabat Mater”. Das immer wieder auftauchende chromatische Motto und die musikalischen Verweise auf altslawische Quellen geben den mehr als 100 Minuten ein einprägsames Gesicht.

Der Münchner Motetten-Chor und das Sinfonieorchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz präsentierten das Dvorák-Requiem nun im Herkulessaal mit Sumi Hwang, Sayaka Shigeshima, Robert Sellier und Franz Hawlata als Solisten in einer rundum gelungenen, spannenden und ergreifenden Aufführung, bei der nur eines störte: die für die Beteiligten wohl notwendige Pause nach dem “Lacrimosa”.

Allerdings hat Dvorák die Zweiteiligkeit schon vorgesehen und setzt nach einer Stunde mit einer langen, pastoralen instrumentalen Einleitung zum zunächst sehr lyrischen, dann immer festlicheren “Domine Jesu Christe” neu an – gipfelnd in einer grandiosen Fuge zu “Quam olim Abrahae”. Hier war einmal mehr zu hören, wie penibel und ausführlich Hayko Siemens mit Chor und Orchester, das erstmals im Herkulessaal und zudem auch noch ein ungewohntes Repertoire spielte, geprobt haben muss. Perfekter und ausdrucksvoller kann man das kaum musizieren. Und dann ein “Hostias”, in dem der Bass, in dem Hawlata mit dem solistischen Kontrafagott und ein strahlender Robert Sellier zur Solo-Geige im Duett singen. Obwohl alles andere als ein homogenes Quartett, sind diese vier Solisten den Kollektiven ebenbürtig, nicht zuletzt die beiden Asiatinnen Hwang und Shigeshima, die den Männerstimmen ein ausdrucksvolles Frauen-Duo entgegensetzten.

Trotzdem erstaunten und berührten am meisten Balance, Klangschönheit, Präzision und die dynamischen Schattierungen von Chor und Orchester. In den kein Detail verwischenden Tempi kamen die Finessen und die geheimnisvolle Aura von Dvoráks Harmonik ungemein schön zum Tragen. Am Ende dann eine vom Dirigenten sanft erzwungene lange Stille vor großem Beifall.

Klaus Kalchschmid

Süddeutsche Zeitung: Samstag, 09. April 2012
Brückenschlag
Münchens MotettenChor singt in Tel Aviv das Oratorium “Joram”, ein Werk des deutsch-israelischen Komponisten Paul Ben-Haim

Tel Aviv – Bedächtig nimmt Jehoash Hirshberg, emeritierter Musikwissenschaftsprofessor von der Hebrew University in Jerusalem, einen Schluck aus seiner kleinen weißen Tasse. „Der arabische Kaffee ist einfach der beste“, sagt er und lächelt, in der Morgensonne vor einem Café sitzend, draußen vor der Erlöserkirche in der Altstadt von Jerusalem. Von oben, aus den Fenstern des Gemeindesaales, dringt Chormusik. Der Münchner Motettenchor singt sich ein. Gleich wird er den Gottesdienst gestalten, abends ein Kirchenkonzert geben. Bach, Dubois, Brahms und andere. Der Cafébesitzer hält beherzt mit orientalischer Popmusik aus seinem scheppernden Radioapparat dagegen.

Es ist Palmsonntag in dieser seltsamen, großartigen Stadt, in der Pilgergruppen mit Schirmmützen hinter ihren Reiseleitern herlaufen, unzählige junge Soldaten gut gelaunt mit ihren Maschinenpistolen umherschlendern. Für Hirshberg ist es ein schöner Tag. Er hat den Münchner Motettenchor wiedergetroffen, soeben mit Chorleiter Hayko Siemens und Chorsängerin Thea Vignau über Telefon in der engen Küche des Gemeindezentrums ein Radiointerview gegeben. Über „Joram“, das große Oratorium des jüdischen deutsch-israelischen Komponisten Paul Ben-Haim, und dessen anstehende Aufführung durch den Motettenchor in Tel Aviv. Lange Jahre seiner Karriere widmete Hirshberg diesem Komponisten, in Israel verehrter Begründer einer genuin israelischen Kunstmusik, in Deutschland und sogar in München, wo er 1897 als Paul Frankenburger geboren wurde, an der Musikhochschule studierte und an der Oper assistierte, bevor er Kapellmeister am Augsburger Stadttheater wurde, jedoch kaum jemandem ein Begriff. Hirshberg hat ein Buch über Ben-Haim geschrieben, „Paul Ben-Haim. His Life and Works“. „Aber Musik wird erst dann lebendig, wenn man sie hören kann“, sagt Hirshberg. Deshalb wird für ihn „ein Traum wahr“. Zum ersten Mal wird der vollständige „Joram“ in Israel aufgeführt. Mit dem originalen, düsteren, fiktiv-biblischen Text von Rudolf Borchardt. Einschließlich der Uraufführung zum Gedenken an die Reichspogromnacht am 8. November 2008 in der Münchner Philharmonie und Konzerten in der Dresdener Frauenkirche sowie bei der Internationalen Orgelwoche in Nürnberg (alle durch den Motettenchor) wird es die erst vierte Darbietung sein. Ben-Haim nannte dieses Werk sein wichtigstes. Doch es blieb – von einigen Auszügen in hebräischer Übersetzung abgesehen – ungespielt. Wenige Wochen nach Hitlers Machtergreifung hatte Ben-Haim den „Joram“ vollendet. Ein riesiges Opus. In seiner Form geprägt von den Bachschen Passionen. Gegossen in eine Partitur von Richard-Strauss-Dimension. Ein Kunstwerk an Klangfarbenschattierung. Modern, kantig, archaisch kühl, lyrisch. Und bei all dem ein Bekenntnis zur deutschen Spätromantik. Kaum war der „Joram“ fertig, emigrierte Ben-Haim nach Palästina. Später hatte er einen neuen Kompositionsstil entwickelt; der „Joram“ war ein Relikt aus einem früheren Leben des Komponisten. Und gerade deshalb handelt es sich um eine Komposition, die, im Bewusstsein des historischen Erbes Deutschlands und Israels, als verbindende Geste erscheint. Doch um solche Brücken zu bauen, reicht purer Idealismus nicht aus.

„Joram“ ist eines der größten Projekte, das der Münchner Motettenchor je stemmte. 2007 hatte die Musikwissenschaftlerin Charlotte Vignau, Tochter Thea Vignaus, Hirshberg kennengelernt und war so auf den „Joram“ aufmerksam geworden. Das Interesse des Motettenchores war geweckt – und schon die Realisierung der Uraufführung ein Kraftakt. Die Herstellung von Aufführungsmaterial durch das Israel Music Institute (das Werk war einzig als Partitur-Manuskript überliefert, aus dessen schwer leserlicher Kopie Hayko Siemens bis heute dirigiert), die Suche nach Sponsoren, die Einstudierung, die Werbung: Die Herausforderungen waren enorm. Doch aus dem Interesse für das Werk wurde Begeisterung, und mit Thea Vignau an der Spitze, fortan hingebungsvolle „Frau Joram“ des Chores, wurden die Steine aus dem Weg geräumt. Die Aufführungen in Deutschland waren eine Bestätigung. Das große Ziel des Chores und Hirshbergs aber blieb, den „Joram“ dort erklingen zu lassen, wo er in der Schublade geschlummert hatte: in Israel. Man streckte die Fühler aus. Es war schließlich Zubin Mehta, der 2010 in seiner Funktion als MusicDirector des Israel Philharmonic Orchestra erklärte: „Machen wir in ein paar Jahren.“ Es folgten zähe Verhandlungen hinsichtlich der Konditionen mit dem Management des Orchesters: Der Chor müsse die Reise selbst finanzieren. Insbesondere das Goethe-Institut, die Ernst-von-Siemens-Musikstiftung und der Freistaat Bayern ließen sich für das völkerverbindende Projekt als Förderer gewinnen. Mit der offiziellen Einladung des Israel Philharmonic Orchestra an den Motettenchor für zwei gemeinsame Konzerte in Tel Aviv und Jerusalem unter der Leitung von Hayko Siemens und der Bereitschaft der Evangelischen Landeskirche, ein etwaiges finanzielles Defizit der Chorreise abzufangen, schienen die „Joram“-Konzerte in Israel im Herbst 2011 Gestalt anzunehmen. Im Februar 2012 wurde gebucht. Doch wenige Tage vor der Reise meldete sich Orchestermanager Avi Shoshani: Der Kartenvorverkauf sei zu schleppend, die Konzerte seien nicht durchführbar. Bei allem Idealismus, der finanzielle Ertrag müsse stimmen. Mangelnde Bekanntheit des Werkes, anstehendes Pessach-Fest und ein insofern vom Orchester schlecht gewählter Zeitpunkt für die Konzerte, zu späte Werbung von israelischer Seite, problematische Festsetzung der „Joram“-Abende als Sonderkonzerte ohne Abonnenten – Erklärungen für den spärlichen Kartenabsatz hört man auf dieser Reise von verschiedenen Seiten. Alles stand auf der Kippe. In einem gemeinsamen Kraftakt rettete man zumindest das Konzert am 3. April in Tel Aviv. Das Orchester organisierte für Jerusalemer Karteninhaber einen Bustransfer, lancierte verstärkt Vorberichte. Noch am Montagmorgen der Karwoche ist Thea Vignau, von Jerusalem in Tel Aviv angekommen, die Anspannung anzumerken. Die unzähligen Telefonate, Briefe, nicht zuletzt die Chorproben. Und stets eine Wanderung auf schmalem Grat: „Ein einziger Anschlag“, sagt Vignau, und jeglicher israelischer Konzerttraum wäre ausgeträumt.

Mittags fährt der Motettenchor zur Probe mit dem Orchester. Es geht los. Zur Verfügung steht nur ein Ausweichquartier, das Stammhaus des Orchesters wird renoviert. Eng ist’s. Schließlich sitzt der Chor eingeklemmt zwischen Schlagwerk und Kartons. Die Orchestermusiker gehören zu den besten der Welt. Die Noten sehen sie zum ersten Mal. Das Projekt aber packt sie. Siemens hat ihnen die Bedeutung des „Joram“ als Geste der Freundschaft erklärt, erzählt, welche Mühe der Chor auf sich genommen hat. Die Musiker applaudieren, einige stehen auf und geben Siemens die Hand. Und sie widmen sich der Aufgabe, das Werk in nur drei Proben auf die Beine zu stellen, mit Hingabe, folgen Siemens in jeder Nuance, gestalten exquisit und lernen mit Verwunderung die frühe deutsche Seite ihres Ben-Haim kennen. Vom Chor sind sie beeindruckt. Ob das der Philharmonische Chor München sei, fragt eine Geigerin. Und Siemens, der auch nicht alle Tage vor solchen Weltklassemusikern steht? Er führt das Riesenensemble samt dem Solistenquartett (Sopranistin Katharina Persicke, Tenor Carsten Süß, Bariton Bernd Valentin und Bassist Miklós Sebestyén) dezidiert, fordert, erklärt, motiviert, unterhält. Lieber schlage er einen Takt so, dass die Posaunisten bis drei zählen müssen, als dass er die Bratscher bis sechs zählen lässt, witzelt er. Siemens’ Schalk wirkt auch auf Englisch. „Ein Erlebnis“ nennt er die Zusammenarbeit mit dem Orchester später. Und ein Erlebnis wird auch das Konzert am Dienstag im Smolarz Auditorium der Tel Aviv University. Die Akustik ist staubtrocken. Doch der Saal füllt sich. Die Aufführung glückt wunderbar. Nicht in jedem Detail perfekt, doch von zwingender Ausdruckskraft. Kurzfristig wurde noch ein Tontechniker aufgetrieben. Beim orchestereigenen Label Helicon wird der Mitschnitt erscheinen. Am Ende erhebt sich das Publikum aus den Sitzen. Als Hirshberg seine Freude zum Ausdruck bringt und Tamar Ben-Haim, Enkelin des Komponisten, den Sängern dankt, ist allen vom Motettenchor bewusst, dass sie die Brücke zwischen München und Israel mit dem „Joram“ tatsächlich gebaut haben. Beharrlich, mit Qualität und am Ende als wirkliches Gemeinschaftsprojekt mit dem Orchester.

Andreas Pernpeintner